Dass die Zeiten, in denen die Literatur geholfen hat, vorbei seien, war noch bis vor kurzem meine Überzeugung. Von Selbstmitleid zerfressen hockte ich in meiner Werkstatt und starrte auf ein Häufchen Sägemehl, das ich schon längst hatte auffegen wollen. Verse des Lyrikers Michael Eschmann kamen mir in den Sinn: "Jetzt bin ich sicher / in der Dunkelheit der Worte, / die alle nach Hause führen werden, / wo immer das sein mag." Eine schöne Vorstellung! Aber mich ließ das Gefühl, unter mir tue sich der Boden auf, nicht los. Mein halbes Leben hatte ich dem geschriebenen Wort gewidmet, und nun wurde mir selbst die Lektüre der Fernsehzeitschrift zur Qual. Obwohl mir deren Mut zum klaren ästhetischen Urteil einst als vorbildlich erschien. Populären englischen Kriminalfilmen zum Beispiel wurde gerne bescheinigt, sie seien "fad" oder "nicht ausgefeilt". Gerne hätte ich diese Kategorien auch auf literarische Texte angewandt, aber dafür müsste ich sie zumindest überflogen haben.
Die Tage schlichen dahin. Irgendwann wurde es früher hell. Und mir fiel ein Buch auf, das ich vor Wochen achtlos auf einem Stapel abgelegt hatte. Schon der Titel, Ausgefranzt, schien wie für mich formuliert. Denn es handelte sich nicht um einen Druckfehler, dafür sprach schon die Abbildung eines auf dem Rücken liegenden Kerbtieres auf dem Umschlag. "Kafka", raunte eine innere Stimme, "hier geht es um Franz Kafka". Und ich war erlöst. Mochte anderen dieser Name auch stellvertretend für die Schrecken moderner Literatur stehen, für mich war die schulische Lektüre seiner Erzählung Die Verwandlung der Beginn einer Leidenschaft. Nun klang der Titel des Buches nicht gerade enthusiastisch. Aber er machte neugierig. Zumal ich den Namen des Autors, Oliver Uschmann, in guter Erinnerung hatte. So las ich von einer Welt, aus der Kafka und sein Werk verschwunden sind, ähnlich wie die Beatles in Danny Boyles Filmkomödie Yesterday (2019). Nur zwei Menschen wissen noch von dem Mann aus Prag und seinen verschrobenen Texten, einer davon ist Joris Klein, ein verarmter Schriftsteller, der auf einem Campingplatz haust und im Baumarkt jobbt. Seit zehn Jahren hat er nichts mehr veröffentlicht. Und nun sieht er seine Chance auf ein Comeback mit Kafka. Immerhin kann er Der Process fast auswendig. Und welcher Verlag würde ein Werk von weltliterarischem Rang ablehnen? Denkt er sich und scheitert. Das "an die wichtigen Häuser" verschickte Exposé samt Textproben nimmt man dankend zur Kenntnis, aber ein Buch wird nicht daraus. Womit auch nicht zu rechnen war. Der Literaturbetrieb ist für einen Solitär wie Kafka einfach nicht gemacht. Als Anlass für eine bissige Abrechnung mit dessen aktuellem Zustand taugt er allerdings allemal, wie Uschmanns Buch glänzend bestätigt. Dass sich Ausgefranzt zudem als Familienroman, Sozialstudie und Meta-Fiktion lesen lässt, zeigt auf beeindruckende Weise die Vielseitigkeit seines Autors. Und man hofft, dass Oliver Uschmann mit dieser Veröffentlichung nicht das Resümee seiner eigenen literarischen Karriere zieht. In mir jedenfalls hatte die Lektüre heilsamen Trotz geweckt, so dass ich frohgemut zu Markus Orths' neuem Buch Die Enthusiasten griff, das uns gleich ein ganzes Ensemble literaturverrückter Figuren präsentiert. Unter ihnen der Ich-Erzähler, dessen Leidenschaft einem der verrücktesten Romane der Weltliteratur gilt: Lawrence Sternes Tristram Shandy. Ich kann das gut verstehen. Immerhin ist das Buch ein wichtiger Beleg für eine meiner Lieblingsthesen, dass nämlich die Gattung Roman schon seit ihrer Entstehung im 17. Jahrhundert ein Tummelplatz für Erzählexperimente jeder Art gewesen ist. Aber zurück zu den Enthusiasten. Die Handlung beginnt in Coxwold, einem Dorf in der englischen Grafschaft North Yorkshire. Dort hat Lawrence Sterne von 1760 bis 1768 gewohnt, und dort liegt er auch begraben. Das heißt, eigentlich ist es nur sein Schädel, der unter einer "mickrigen Steinplatte" auf dem örtlichen Friedhof beerdigt wurde, wie uns der mitteilsame Erzähler wissen lässt. Aber immerhin Grund genug für seine Lesegemeinde, sich jedes Jahr am 18. März, dem Todestag des Dichters, in Coxwold zu versammeln. Und just während eines solchen Treffens geschieht das Unerhörte. Ein anonym bleibender Händler bietet der Fantruppe ein Exemplar des als verschollen geltenden zehnten Buchs des Tristram Shandy an. Und zwar zum stolzen Preis von 150.000 Pfund. Von diesem Zeitpunkt an legt die eh schon turbulente Handlung des Romans noch an Tempo zu. Denn Markus Orths belässt es nicht bei einer Geschichte, sondern knüpft ein ganzes Netz aus unterschiedlichsten Erzählfäden, das zum Ende hin wieder aufgedröselt wird. Das ist erheblich weniger verwirrend, als es scheint. Und es macht großen Spaß, auch wenn der Hintergrund ein ernster ist. Schließlich geht es nicht zuletzt um das mögliche Ende der Literatur, wie wir sie kennen. Aber Markus Orths fürchtet sich nicht, sondern demonstriert mit seinem fantastischen Roman die Stärken menschlicher Erzählkunst. Das sind große Worte für einen kleinen Literaturkritiker. Ich hoffe, dass sie auch wahr sind. Deshalb zitiere ich, schon um mir Mut zu machen, zum Abschluss die letzten Zeilen des Gedichts "Zufälliger Titel" von Hannes Wesendonk: "Vor alldem / kann die künstliche Intelligenz / sich nur verneigen."
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