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Nancy North ist auf dem Weg der Besserung. Die Stimmen in ihrem Kopf scheinen langsam zu verstummen. Und ihr Freund Felix kümmert sich rührend um sie. Dass die neue Wohnung im Londoner Stadtteil Harlesden nur notdürftig renoviert wurde, sollte sie ebenso wenig stören wie das Verhalten der anderen Bewohner des baufälligen Hauses aus viktorianischer Zeit. Doch dann wird ihre Nachbarin Kira Mullen erhängt in ihrem Apartment aufgefunden. Selbstmord, sagt die Polizei, doch Nancy ist nicht davon zu überzeugen. Denn sie vermutet schwer, dass die junge Frau umgebracht wurde. Selbstverständlich glaubt niemand der ehemaligen Psychiatriepatientin, auch Felix nicht.
Nicci Gerrard und Sean French, die unter dem Pseudonym Nicci French schon mehr als zwei Dutzend psychologische Thriller veröffentlicht haben, variieren in ihrem neuen Buch eine klassische Handlungskonstellation auf originelle Weise. Nancy North leidet, aber sie wehrt sich auch. Dass es ihr mit Unterstützung der scharfsinnigen Ermittlerin Maud O'Connor von der Metropolitan Police gelingt, ihr Leben zurückzugewinnen, lässt diesen intelligent konstruierten Spannungsroman auf einer optimistischen Note enden. Leider geht es in unserer sozialen Realität, die von Nicci French mit erschreckender Akkuratesse geschildert wird, natürlich oft anders zu. Was nichts daran ändert, dass sich Finstere Schatten als böser Kommentar zum aktuellen Verhältnis der Geschlechter liest.
Von Männern, die eine eher lächerliche Figur machen, erzählt der amerikanische Autor Mark SaFranko in seiner tragikomischen Noir-Burleske Dear Professor Romance. Professor Romance, dahinter verbirgt sich der Geschäftsmann Dough Guthrie, Inhaber einer florierenden Website samt angeschlossenem Buchverlag. Seine Kunden sind Männer, deren Erfolg bei Frauen zu wünschen übrig lässt. Um deren verzweifelte Hilferufe kümmert sich der Romanautor Lance Bertovich, den Guthrie angeheuert hat, weil er selbst partout nicht schreiben kann. Bertovich hingegen schafft es mit zweifelhaften Tipps, seine ratsuchenden Geschlechtsgenossen um stattliche Summen zu prellen. Unter ihnen der gehemmte Angestellte Norman Bright, dessen Leidenschaft für eine Kollegin aus der Finanzbuchhaltung sich in eine Obsession zu verwandeln droht. Dass sich Professor Romance in diesem Fall als miserabler Ratgeber entpuppt, wundert wenig. Denn was solche Lance Bertovichs und Dough Guthries tatsächlich von Frauen wissen, dürfte nicht einmal als übliches Klischee durchgehen. Natürlich endet die Geschichte für alle drei Protagonisten übel. Mark SaFranko ist ein Roman von bitterer Komik gelungen, bei dessen Lektüre Fremdscham und Mitleid einander abwechseln.
Wie Dear Professor Romance lässt sich auch das neue Buch von Sven Heuchert als 'Beinahe-Krimi' lesen. In einem abgeschiedenen Provinznest geschieht ein Mord, ein Ermittler aus der Stadt wird geschickt, und am Ende ist der Fall aufgeklärt. Doch Die Witwer von Chaltouva auf diese Handlungselemente zu reduzieren, wäre ein Fehler. Heuchert erfindet für seinen Roman eine ganz eigene, in einer fiktiven Vergangenheit angesiedelte Welt. Da gibt es das Königreich Vierheilig, zu dem Chaltouva gehört. Aber die zentrale Macht vermag in diesem von archaischen Bräuchen geprägten Dorf wenig auszurichten. Es ist eine brutale Männergesellschaft, in der Max als Sohn eines Fleischers aufwächst. Bald steht ihm der "Grobel" bevor, ein grausamer Initiationsritus. Gleich wichtig ist das jährliche Wettangeln um den größten "Witwer", einen ungenießbaren Fisch, bei dem die Männer des Ortes gegeneinander antreten. Max will weg, am liebsten zusammen mit seiner Freundin Klara. Nur wohin? Der Autor lässt diese Frage offen. Alles scheint besser als die von ihm in düstersten Farben gemalte Welt des Dorfs, dessen Gewaltkultur alles infiziert. Auch von außen kommt nichts Gutes, wie sich an der zwielichtigen Ermittlerfigur erkennen lässt. Andererseits bleibt eine gewisse finstere Faszination nicht aus. Und das liegt an Sven Heucherts Sprachkunst, die das Geschehen sinnlich erfahrbar macht. Wie sich an einem Einschub zeigt, der den Eintrag zum "Witwer" aus einer fiktiven Enzyklopädie zitiert und in deutlichem Kontrast zum Ton des Erzähltextes steht. Wer sich auf diesen ungewöhnlichen Roman einlässt, wird durch ein nachhaltiges Leseerlebnis reich belohnt.
Keine Einordnungsprobleme hingegen verursacht das neue Buch von Spannungsroutinier Horst Eckert. Er ist seit vielen Jahren ein Garant für perfekt konstruierte Politthriller mit gesellschaftskritischem Anspruch. Auch Die Praktikantin macht hier keine Ausnahme. Die ehemalige Klimakleberin Carla Bergmann stößt bereits an ihrem ersten Tag in der Lokalredaktion einer Düsseldorfer Tageszeitung auf eine unscheinbare Nachricht mit gewaltigen Konsequenzen. Warum wurde der Einbruch bei einer exilrussischen Oppositionszeitung nicht weiter verfolgt? Und wer waren die beiden Männer, die zunächst festgenommen, dann aber wieder freigelassen wurden? Die junge Frau recherchiert, wird fündig und muss schon bald um ihr Leben fürchten. Denn es geht um künftige Kriegführungstechnologie und die geheimen Machenschaften deutscher Rüstungsunternehmen in der von Russland attackierten Ukraine. Samt den korrespondierenden politischen Interessen. Eckerts rasant formulierte Prosa erschafft eine Wirklichkeit, die der empirischen zum Verwechseln ähnlich sieht, während es sich bei seiner als Identifikationsfigur angelegten idealistischen Heldin schon um ein waschechtes Genreprodukt handelt. Aber gerade das macht den Reiz dieses engagierten Romans aus. |