Am Erker 90

Akzente 2/2025

Akzente 3/2025

Text + Kritik Sonderband Nature Writing

 
Zeitschriftenschau 90
Andreas Heckmann
 

Mitunter konnte man raunen hören, jetzt, wo die Akzente nicht mehr bei Hanser erscheinen, sei deren Zeit vorbei. Dann fielen Namen wie Trümpfe im Kartenspiel, war von Walter Höllerer und Hans Bender die Rede, von Michael Krüger und Jo Lendle (der bereits mit wechselnden Herausgeber:innen von Themenheften gearbeitet hat, die durchaus ungleich­gewichtig ausfielen). Vorbei die Herrlichkeit? Ist ein Flaggschiff der deutschsprachigen Literatur­zeit­schriften­szene gestrandet, fast schon entzweigebrochen, weil es aus München nach Weilerswist-Metternich umgezogen ist, irgendwo in die Eifel? Und nun im Dittrich Verlag erscheint, von dem manch eine/r nie gehört hat?
Die neue Herausgeberin Marietta Thien hat mit den Heften zu "Alter" (2/2025) und "Nature Writing" (3/2025) einmal mehr gezeigt, dass Totgesagte nicht nur länger leben, sondern mitunter von der Schwelle des Todes mit Auferstehungs­gloriole zurückkehren.
Dass die weiterhin schlanken Hefte in wunderbarem Hochformat grafisch beglückend schlicht und auf gar herrlichem Papier erscheinen, mögen Äußerlich­keiten sein, doch sie formulieren schon haptisch-visuell den Anspruch, das Flaggschiff neu aufzutakeln. Und dass die Herausgeberin nicht nur bei der Themenstellung, sondern auch bei der Auswahl der Texte ein mehr als glückliches Händchen hat, sei mit gebührendem Respekt vermerkt. Es finden sich kaum "große Namen" nationaler oder internationaler Couleur, dafür aber sprachlich großartige, hochre­flektierte, sehr perspektivreiche und zudem sehr unterschied­liche Beiträge – was die Textsorten angeht, aber auch das Alter der Verfasser:innen und deren soziale Herkunft.
In Heft 2/2025 geht es immer wieder höchst subtil um Alterungs­erfahrungen, die am eigenen Leib, am eigenen Denken, Fühlen und Erinnern wahrgenommen werden – und natürlich in der Begegnung mit Älteren und Jüngeren, mit Verwandten und Freunden. Fast könnte man eine Art Inventar und Register der Alienation erstellen, des Befremdens über die Fremdwerdung der Welt und des Ichs, der Veränderung des scheinbar so Sicheren, des Entgleitens und Entschwindens, aber auch des Auftauchens. Es ist ein Staunen, es kann aber auch ein Strudel sein. Und es macht Zeit ganz anders erfahrbar, radikal subjektiv, nonlinear.
Dagmar Nick, die am 30. Mai ihren hundertsten Geburtstag feiern wird, hat das 2024 in dem Text "Aussichten" (erstmals in Das Gedicht 32) so gefasst: "Im Sog dieser Sterbezeit / werden die Wände durchlässig, durch die / ich entschwinde, wenn mein Körper / abgekühlt mich nicht mehr vermißt, / eine verlassene Wohnstatt." Lenny Braunschweig dagegen (*1998) schreibt mit Nonchalance und Witz "Über das Altern – und wie wenig ich davon verstehe". Zwischen diesen Polen sind sie angesiedelt, Prosa, Essay, Gedicht, Pseudo-Dramolett. Wunderbar etwa "Mariawald, mon amour", Gedanken des belgischen Autors Freddy Derwahl (*1946) über Resnais' Hiroshima, mon amour, einen Film, den er als Vierzehn­jähriger sah, und die Trappisten­abtei Mariawald in der Eifel (denn auch regionale Aspekte berücksichtigt die umsichtige Herausgeberin). Aber jetzt noch mal Dagmar Nick, weil's so schön ist: "Sogar / meine abge­fackelte Herzhaut / wuchs nach, als gäbe es / wirklich so etwas wie / eine Unendlichkeit. / Aber für welche Zukunft?"
Die Ausgabe zum Nature Writing bestätigt den Eindruck, dass Marietta Thien die alte Tante Akzente beherzt in neue Fahrwasser steuert. Die Daniela Danz-Gedichte "Komm Wildnis in unsere Häuser" (erstmals in Wildniß, Wallstein 2020) und "Wenn einer das Meer wegnähme" (erstmals in Portolan, Wallstein 2025) stülpen Wahrnehmungen um, und es zerlegt einen beim Lesen, denn ein Gefühl der Befreiung, des Aufatmens stellt sich ein, obwohl doch Beklemmendstes verhandelt wird – eine sehr irritierende Doppelung, ein Virtuosen­stück, ein sprachliches Festmahl. Nicole Gronemeyer erzählt in "Die Entdeckung des Eies" höchst instruktiv die Geschichte von Christian Heinrich Pander, der 1817 nach der Untersuchung der Entwicklung von zweitausend Embryonen in Hühnereiern die Keimblatt­theorie formulierte, und von seinem Freund Karl Ernst von Baer, dem Darwin in der Entstehung der Arten höchstes Lob zollte, und gleich möchte man sich aufmachen und die beiden in Würzburg besuchen, wo sie unter Anleitung von Ignaz Döllinger ihre großen wissenschaft­lichen Karrieren begannen. Vollends hinreißend dann Marion Poschmann über "Höltys Nachtigall" und die Frage, ob Ludwig Hölty (1748-76) den Topos oder das Tier Nachtigall meint, wenn er "Nachtigall" schreibt. Poschmanns Dankrede zum höchstdotierten deutschen Lyrikpreis, der alle zwei Jahre im prosaischen Hannover vergeben wird, ist ein Musterbeispiel für eine inspirierte Interpretation, schwebend, gaukelnd und zugleich absolut fundiert und im Rückgriff auf Klopstocks Oden – eine Preisrede con amore, die ihre Leser:innen beschenkt.
Mit Daniela Danz und Marion Poschmann sind zwei Akzente-Autorinnen auch im Text + Kritik Sonderband Nature Writing vertreten, den die Literaturwissenschaftler Frieder von Ammon (LMU München) und Peer Trilcke (Uni Potsdam) herausgegeben haben. Neben gelehrten, in der Regel gut geschriebenen und mit Gewinn zu lesenden Abhandlungen – etwa zum Schreiben über Blumen, über Bäume, übers Wasser und übers Wandern – ist besonders hervorzuheben, dass auch Schriftsteller:innen von Rang zu Wort kommen. Der Band beginnt mit einem "inneren Streitgespräch zum Nature Writing" von Anja Utler, die sich recht kritisch auf die gern belächelte literarische Freude an der Natur einlässt und den Streit klug zuspitzt. Marcel Beyer steuert zudem "Tagesnotizen eines Futterkochs" bei und berichtet, wie er für die Vögel seines Gartens Nahrung höchstselbst und ausdauernd zubereitet, um die Tiere mit Anstand weniger durch den Winter als durch den aufgrund der Brutpflege hochstrapaziösen Sommer zu bringen. Beyers Beitrag bietet vielfach Beobachtungen eines Armchair-Ornithologen, der sich nicht mit dem Feldstecher ins Unterholz aufmacht, sondern durch Lockspeisen (Cashews!) die Meisen, Eichelhäher, Amseln und Tauben erst anzieht, um sie dann zu beschreiben, auch und gerade in ihrem Verhältnis zum Futterkoch. So werden die Vögel quasi zu Haustieren, und der Garten wird zum Zoo, während Ornitholog:innen auf der Pirsch im Federvieh noch immer etwas Wildes, Ungezähmtes, trotz Revierbindung leidlich Freies erkennen dürfen. Beyers wunderbares Hegepro­tokoll greift vielfach aus, kann auch poetologisch gelesen werden und knüpft an seine intensive Beschäftigung mit der Tier-, zumal der Vogelwelt in seinem Roman Kaltenburg (2008) an.

 

Akzente 2/2025 (Alter) und 3/2025 (Nature Writing). Je € 15,00.

Text + Kritik Sonderband Nature Writing (2026). € 34,00.