Am Erker 90

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel

 
Rezensionen

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel
 

Mäuschen spielen
Steffen Roye

Was tun, wenn du Fragen hast zu deiner Herkunft, zur Geschichte der Familie, aber die Mutter verweigert die Antworten? Du könntest die Mäuse befragen. Genau das macht Yulia Marfutova in ihrem neuen und leider recht kurzen Roman Eine Chance ist ein höchstens spatzen­großer Vogel. Denn alle "Familien­geschichten sind Mäuse­geschichten. Wer soll sie sonst erzählen, die Geschichten, wenn nicht die Mäuse, die sich so schmal machen können, dass sie durch die kleinsten Ritzen gelangen?" Anekdoten, Schnurren: okay. Mehr bitte nicht! "Was sich nicht in eine Anekdote pressen lässt, 'ist nichts für euch Kinder'. Ist für 'später einmal'." Glücklich kann sich schätzen, wer in dieser Situation sprechende Mäuse hat! Die mögen unzuverlässige Erzähler sein wie so viele menschliche Zeitzeugen des vergangenen Jahr­hunderts auch, aber immerhin erzählen sie. Nicht nur von Marina, der Mutter von drei neugierigen Teenagern, sondern auch von Großmutter Nina. Sie erzählen von einem unterge­gangenen Land, in dem die Großmutter einen Traum hat: "Rechts unten hat er eine Delle, von oben links mit zugekniffenem Auge eine Schramme." Ein Traum, den sie für sich behält. Und dann auch wieder nicht, oder die Mäuse können auch in Träume eindringen wie in schlecht verschlossene Vorrats­kammern. Sie erzählen von Gorbat­schows Perestroika, die dafür sorgt, dass "ein gewisser Auf- und Umbruchs­wind weht. Ein Kofferwind, genauer gesagt." Denn: "Die halbe Stadt ist schon weg, und die andere Hälfte liest völlig gleichklingende Briefe." Einen solchen Brief aus dem Exil erfindet Marina mit ihrer besten Freundin und beklebt ihn mit amerikanischen Briefmarken, nur um ihn danach in einem Bibliotheksbuch zu verlieren und so für ein Eigenleben des Schriftstücks zu sorgen. Der Brief gebiert weitere Briefe: Botschaften, immer gerade rechtzeitig aus Büchern herausfallend. Wir erfahren (durch die Mäuse), dass die Perestroika – in Deutschland Ost und West gleichermaßen gefeiert - für manche neue Gefahren mit sich bringt. Wenn die eigene Vergan­genheit beispiels­weise eine jüdische ist. Schon die Großmutter hat in tiefsten sowje­tischen Zeiten den zugeteilten Vornamen abgelegt und sich in Nina umbenannt. Nina "ist unauffällig. Unauffäl­liger als Gitel. Gitel bedeutet so viel wie gut, was beinahe ironisch ist, viel Gutes kann einem ein solcher Vorname nicht tun, wenn man zum Beispiel befördert werden will. Die Namen Nina und Gitel haben nur noch ein i gemeinsam, und das ist eigentlich schon zu viel." Es ist eine Stärke des Romans, dass sich mit Sätzen wie diesem erschütternd tiefe Schluchten auftun.
Yulia Marfutova kommt dem real existierenden Sozialismus und seinen Folgen mit magischem Realismus bei. Und da die Kinder und also auch wir nur über Mittler – Mäuse eben – die Geschichte der Mutter und ihrer Familie erzählt bekommen, wird vieles nur angerissen, angedeutet. Und ist doch unmissver­ständlich klar. Marina hat sich auf den spatzen­großen Vogel namens Chance gehechtet und ist bei diesem Sprung tatsächlich in einem anderen Land gelandet, Deutschland vermutlich. Aber den Vogel hat sie nicht zu fassen bekommen. Er war schneller als die Mutter und sitzt nun schimpfend auf dem höchsten Zweig eines Apfelbaums. Was bleibt, sind nicht bezahlte Rechnungen und eine nicht verarbeitete Vergan­genheit.

 

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Roman. 144 Seiten. Rowohlt. Hamburg 2025. € 22,00.