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Spät entdeckt: Juliette Pary
Rolf Birkholz
Es ist eine Anklage. Und sie ist nicht durch die Blume gesagt, in einem Fall sogar konkret mit ihr, mit der romantisch blauen: "Zu dem Weiß und zu dem Blau, / Zu dem deutschen Herz-und-Schmerzen / Auf romantisch grüner Au. / Auf romantisch grüner Aue, / Die mit Judenblut getränkt ... / Deutsche Männer, deutsche Frauen, / Nie und nimmer das vergesst!" So schreibt Juliette Pary (1903-1950) gleich im ersten, knapp "1944" betitelten Gedicht ihres Bandes An die Deutschen.
Der erschien 1946 in Paris. Dort lebte die als Julia Gourfinkel in Odessa geborene jüdische Schriftstellerin und Übersetzerin, die aber auch im Bereich der Jugendpädagogik, in der Volksfront-Zeit politisch und als Flüchtlingshelferin aktiv war, seit 1925. Doch fanden ihre Gedichte damals "keinerlei Echo", so der persona Verlag. Der hat sie nun mit einem ausführlichen, hilfreichen biografischen Nachwort ("Die vielen Stimmen der Juliette Pary") ihres Wiederentdeckers und Herausgebers Andreas F. Kelletat nach 80 Jahren erstmals in Deutschland veröffentlicht.
Es wurde auch Zeit. Denn die Deutschen, uns Deutsche, betrifft ja diese noch unmittelbar aus dem grausamen Geschehen unter der Nazi-Herrschaft drastisch formulierte Anklage-Lyrik. "In Todeszügen, / In Eisenzügen, / Vom Tod benannt, / Erstickten Menschen", blickt die Autorin etwa scharf auf die Deportationszüge. "Das habt ihr Deutschen, / Ihr habt's getan." Die Reaktion der Dichterin: "Ich will euch töten." Doch ihr Tatwerkzeug sei die Schrift. "In Eurer Sprache / Will ich Euch töten".
Leicht fällt ihr das nicht: "Es wird mir schwer und schreckhaft süß, / Es ist für mich ein Fluch, / Dass ich in dem verfluchten Deutsch / Gedichte schreiben muss." Das bekennt Juliette Pary in Versen, in denen sie die Angesprochenen zugleich an den von ihr (neben Alexander Puschkin und Walt Whitman) hoch geschätzten Heinrich Heine erinnert. Und angesichts auch der Werke von Goethe, Schiller oder Franz Werfel, ihrer Liebe zur deutschen Poesie seit Kindestagen, ist sie manchmal hin- und hergerissen. In einem Vierzeiler gesteht sie gar: "Eure Sprache, Mörder-Horden, / Ist mir liebste Sprache heut. / Jede andre ist fremd geworden; / Ich lebe und dichte deutsch."
Ohne ihre Anklage abzuschwächen, sucht die Schreiberin auch nach den Ursachen von Gewalt in Menschennatur und Geschichte und beschwört eine bessere, gerechtere Zukunft als Menschheitsfamilie, setzt zuletzt auch auf Gottvertrauen. "Deutsches Dichten war ein Geistern", deutet sie ihre schwankenden Gefühle in der ihr als Leserin so nahen Sprachwelt an, die sie nun mit den Mördern teilen musste. Die meist strenge Reimform scheint ihr dabei in den oft langen Gedichten ein Gerüst zu sein. "Doch in jeder Erdensprache", bekennt sie im hoffnungsvollen Schlussgedicht, höre sie das, potenziell vereinende, "Herz der Welt". |