Am Erker 90

Eva Taylor: Im Wundertal

 
Rezensionen

Eva Taylor: Im Wundertal
 

Wenn der Zug der Sehnsucht ...
Rolf Birkholz

Im Gedicht "Florenz, Via del Ronco" lautet die zweite Strophe: "Manchmal kam ich, / um mich zu Hause zu fühlen, / ein Zuhause, das ich nie hatte." Die 1956 in Thüringen geborene, in Hannover aufgewach­sene Eva Taylor lebt zeitweise in Italien, unter­richtet dort, schreibt auf Deutsch und Italienisch, hat mithin eine besondere Verbindung zu dem Land, eine engere offenbar als andere zu dem (wohl immer noch) Sehnsuchts­land vieler Deutscher. In ihrem neuen Gedichtband Im Wundertal klingt diese Heimat­gefühl-Suche des Öfteren an.
Schon beim frühen Wechsel von Deutschland nach Deutschland ("Als wir kamen") "war manchmal ein anderer Klang / am Rande von Wörtern." Es begegnen Kindheits­erinnerungen, durch kleine Dinge, eine Zugfahrkarte, "ein Datum, ein Foto, das trifft" ("Kam eines Tags die Melancho­lie zu mir"), ausgelöste Blicke zurück. Momente, "wenn der Zug der Sehnsucht / rückwärts fährt" ("Azzurro").
Fast die Hälfte der Gedichte streifen, behandeln jene Selbstsuche in Italien, im Bel Paese, im "schönen Land". Dabei hält sich Eva Taylor jedoch, ob in Florenz oder Venedig, bei den Sibil­linischen Hügeln oder auf der Po-Ebene (Padania), fern von jedem Italien-Klischee, von Kitsch­italien. So sieht sie etwa in der Padania auch eine Landschaft mit Fabrik­hallen und Gülle-Feldern, "unscharf wie manches, / was schön sein will."
Eva Taylors Gedichte, eher kürzer und in freien Versen, wirken wie mit einer besonderen Leichtig­keit, doch alles andere als leichthin geschrieben. In "Auf der Suche" findet sie: "Ich war dreizehn und manchmal las ich Gedichte. / Seltsam, dass es sie gibt. / Dichtung soll wie Wind sein." Dieser Wind tut erfrischend gut.
Im Vorwort von Wilfried Köpke heißt es: "Mit dem Staunen beginnt bei Eva Taylor die Poesie." Und sie lässt daran teilhaben.

 

Eva Taylor: Im Wundertal. Gedichte. 48 Seiten. Wehrhahn Verlag, Hannover 2025. € 10,00.