|
Aushalteverhältnisse
Rolf Birkholz
"sollen wir alles noch einmal denken von vorne / ohne punkt und komma noch einmal die worte / buchstabieren die sätze aus stein aus erde aus gras aus liebe / aus hass brennt das papier auf dem du schreibst wer / schreibt noch wer findet den stift die stadt ohne namen / das land ohne widerspruch". So lautet ein charakteristisches Gedicht im Band Die Zitronen winken ab von Maria Thiem.
Diese Früchte mögen abwinken. Dadurch lässt sich die Autorin nicht irritieren. Sie findet den Stift und buchstabiert, unter Satzzeichenverzicht und bei Kleinschreibung, noch einmal alles durch, was sie bewegt. Sie lockert die Sätze aus Stein, beackert die aus Erde und Gras, erlebt emotionales Brennen des Papiers, findet die Stadt ohne Namen und gar das Land ohne Widerspruch, es muss ja das ohne Namen sein.
Wenn im Gedicht "auf der messlatte der sprachlosigkeit das paar" für sie "der himmel eine illusion der dichter bleibt", klingt das nach einer kritisch betrachteten Schwäche. Doch kommt der Himmel noch ein paarmal gar nicht so negativ vor, erscheint einmal beim morgendlichen Blick durchs Fenster sogar "dieses seltsam unverputzte des himmels", durchaus hoffnungsvoll.
Die Hoffnung sollten auch Leserinnen und Leser dieses Buches der neuen Reihe gravity des Verlags Königshausen & Neumann bewahren. Mit dem Verzicht auf Punkt und Komma, mit den prosaisch langen nicht immer flüssig fließenden Versen können sie leicht ins Stocken geraten, was aber wiederum das Verständnis fördern kann. Wiederholtes Lesen hilft, und manches darf ja auch in der Schwebe bleiben.
Dazu passt auch der Titel des sehr langen Schlussgedichts, "im kreis laufen der kreis läuft". Wir lesen es als Menschen- und (biblische) Menschheitsgeburtsgeschichte: "wo will der mensch / hin zur freiheit zum ein und alles zum un zur unordnung zur unterordnung zum / untergang zum chaos zum anfang getrennt und doch zusammen wie geht das". In "erzähl" die Beobachtung: "die meere laufen aus gott hat gekündigt / der rest ist geschichte keiner da / der sie erzählt wieder am anfang". Maria Thiem tut es, auf ihre Weise. Gut so. Und vielleicht auch deshalb findet das lyrische Subjekt, es seien "die / aushalteverhältnisse die schönsten machen wir uns nichts vor". |