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Ein Trip nach dem anderen
Marcus Jensen
Es beginnt spätabends in Berlin und nahezu ohne Schnitt. Der namen- und alterslose Ich-Erzähler – wohl Anfang-Mitte dreißig – ist Gewohnheitsdrogenkonsument und per Tram unterwegs zur Geburtstagsparty einer jungen Schwarzen, mit der er kürzlich einen One-Night-Stand hatte. Die Trennung von seiner letzten Freundin ist ganz frisch, aber das kann er sich emotional vom Leib halten, "weil die Tavor eine wattierte Schutzhülle um mich herum erzeugt". Im Pharmanebel erlebt er einen scheußlichen Unfall oder Suizid: Die Tram überfährt jemanden, alle müssen aussteigen. Der obszön abgesäbelte Oberkörper mit den offenen blauen "Scheißaugen" scheint das Ich gezielt anzustarren. Die Leiche sendet einen Gruß aus der untersten Schicht des Helden selbst, eine dunkle Epiphanie.
So ästhetisch durchgearbeitet, wie Pascal Kosig die Eingangsszene präsentiert, ja präpariert, eröffnet er gleich die hochgradig bewusste narzisstische Perspektive des jungen Lonely Wolf. Der denkt lieber über den Bauch des nervös rauchenden Tramfahrers nach als über das dissoziierte Schicksal zu seinen Füßen. Ihm sind echte Beziehungen unmöglich – aber macht das etwas? Fragt er sich gerne selbst. "Ich konsumiere nur im Kontext sozialer Interaktion", versichert er kontrolliert. Er gibt einen exzellenten Fremdenführer ab und zeigt und erklärt seine intensive, meist drogige Welt. Seine Probleme sind nicht finanzieller Art. Er, der bescheiden aufwuchs, erbte unerwartet und gewaltig von einem rechtsextremen Opa – und kann mit seinem Leben nichts anfangen. Für sich selbst spielt er gerne den Macho und Yuppie, um das gleich wieder zurückzunehmen, er schliddert durch seine Planlosigkeit und weiß, warum er alle möglichen Stoffe braucht. Wie der Held autistisch immer nur halb beteiligt ist, wird sprachlich und dramatisch kraftvoll erzählt. An dieser Abfolge von Trips und Begegnungen fasziniert die jederzeit scharfe und oft charmante Selbstanalyse und das Parlando dieses wachen Pegeljunkies mit Putzfrau, der bei all seinem Weltekel niemandem schadet.
So erscheint er auf dem Geburtstag der jungen Schwarzen und trifft deren ebenfalls drogenversessene Entourage. Jetzt ist Speed dran, zwischen diversen Alkoholika. Der Held kennt kein Kokstaxi, weil er alles im Darknet bestellt. Die kokslose Party zieht um in eine Kneipe. Es folgt MDMA. Er ärgert sich über sich selbst, weil seine Dosierung auffällig zu werden droht, er will die coole Fassade wahren. Man wechselt in einen Club. (Dieser Teil erschien in Am Erker 87.) Unter den neurotischen oder überdrehten shiny unhappy people kommt das Ich prima weg, das ist eine liebenswürdige Lesertäuschung. "Ich imitiere ein heiteres Gesicht und kann nur erahnen, wie kläglich ich daran scheitere." Weiter geht‘s zu einem der Türsteher, privat. Dort wird Politisches diskutiert, wobei die schönen jungen Menschen ihre "stumpfen Argumente vorbringen, denen noch der schlechte Atem ihrer Eltern und Großeltern anhaftet." Ab nach Hause, denn ein Bekannter hat ihn eingeladen. Umziehen, schlaflos in den Zug und ins Road Movie, er fährt zu Adam nach Leipzig. Mit dem er mal Sex hatte – schmerzhaften, warum auch nicht – und gerne wieder hätte, aber Adam lebt nun mit einer Veganerin zusammen, die alles Alternative aufsaugt wie das Heil selbst, deshalb kommt Adam, "der brave kastrierte Schoßhund, den sie aus ihm gemacht hat", nicht rum mit dem, was er will, und das Ich tut, was es am besten kann, Bindungen vermeiden. Auch in der nächsten Station Saarbrücken, "dieser Stadt, die so unschuldig ist", kennt er wen, doch bald zieht ihn noch ein Anruf weiter: Die Familie aus der verhassten Provinzheimat meldet den Tod des Vaters. Eine schwere Prüfung rund um die Beerdigung und seine traurige Schwester steht an, der übelste Trip.
Pascal Kosigs zweiter Roman wird ernster und nüchterner, fast bittersweet, je mehr das Thema Familie dominiert. Auf Seite 113 schläft der Held erstmals. Er gleitet auf dem Weg zurück in sein leeres Berliner Leben ins ureigene Abklingbecken mit all den Hilfsstoffen. "Ich musste an die Krücken denken, die Dalí gemalt hatte." |