Am Erker 90

Pascal Kosig: Wenn ein Königreich zerfällt

 
Rezensionen

Pascal Kosig: Wenn ein Königreich zerfällt
 

Ein Trip nach dem anderen
Marcus Jensen

Es beginnt spätabends in Berlin und nahezu ohne Schnitt. Der namen- und alterslose Ich-Erzähler – wohl Anfang-Mitte dreißig – ist Gewohn­heits­drogen­konsu­ment und per Tram unterwegs zur Geburtstags­party einer jungen Schwarzen, mit der er kürzlich einen One-Night-Stand hatte. Die Trennung von seiner letzten Freundin ist ganz frisch, aber das kann er sich emotional vom Leib halten, "weil die Tavor eine wattierte Schutzhülle um mich herum erzeugt". Im Pharma­nebel erlebt er einen scheuß­lichen Unfall oder Suizid: Die Tram überfährt jemanden, alle müssen aussteigen. Der obszön abgesäbelte Oberkörper mit den offenen blauen "Scheißaugen" scheint das Ich gezielt anzustarren. Die Leiche sendet einen Gruß aus der untersten Schicht des Helden selbst, eine dunkle Epiphanie.
So ästhetisch durch­gearbeitet, wie Pascal Kosig die Eingangs­szene präsentiert, ja präpariert, eröffnet er gleich die hochgradig bewusste narziss­tische Perspektive des jungen Lonely Wolf. Der denkt lieber über den Bauch des nervös rauchenden Tramfahrers nach als über das disso­ziierte Schicksal zu seinen Füßen. Ihm sind echte Beziehungen unmöglich – aber macht das etwas? Fragt er sich gerne selbst. "Ich konsumiere nur im Kontext sozialer Interaktion", versichert er kontrol­liert. Er gibt einen exzellenten Fremden­führer ab und zeigt und erklärt seine intensive, meist drogige Welt. Seine Probleme sind nicht finan­zieller Art. Er, der bescheiden aufwuchs, erbte unerwartet und gewaltig von einem rechts­extremen Opa – und kann mit seinem Leben nichts anfangen. Für sich selbst spielt er gerne den Macho und Yuppie, um das gleich wieder zurück­zunehmen, er schliddert durch seine Planlos­igkeit und weiß, warum er alle möglichen Stoffe braucht. Wie der Held autistisch immer nur halb beteiligt ist, wird sprachlich und dramatisch kraftvoll erzählt. An dieser Abfolge von Trips und Begegnungen faszi­niert die jederzeit scharfe und oft charmante Selbst­analyse und das Parlando dieses wachen Pegel­junkies mit Putzfrau, der bei all seinem Weltekel niemandem schadet.
So erscheint er auf dem Geburtstag der jungen Schwarzen und trifft deren ebenfalls drogenver­sessene Entourage. Jetzt ist Speed dran, zwischen diversen Alkoho­lika. Der Held kennt kein Kokstaxi, weil er alles im Darknet bestellt. Die kokslose Party zieht um in eine Kneipe. Es folgt MDMA. Er ärgert sich über sich selbst, weil seine Dosierung auffällig zu werden droht, er will die coole Fassade wahren. Man wechselt in einen Club. (Dieser Teil erschien in Am Erker 87.) Unter den neurotischen oder überdrehten shiny unhappy people kommt das Ich prima weg, das ist eine liebenswürdige Lesertäuschung. "Ich imitiere ein heiteres Gesicht und kann nur erahnen, wie kläglich ich daran scheitere." Weiter geht‘s zu einem der Türsteher, privat. Dort wird Politi­sches diskutiert, wobei die schönen jungen Menschen ihre "stumpfen Argumente vorbringen, denen noch der schlechte Atem ihrer Eltern und Großeltern anhaftet." Ab nach Hause, denn ein Bekannter hat ihn eingeladen. Umziehen, schlaflos in den Zug und ins Road Movie, er fährt zu Adam nach Leipzig. Mit dem er mal Sex hatte – schmerzhaften, warum auch nicht – und gerne wieder hätte, aber Adam lebt nun mit einer Veganerin zusammen, die alles Alter­native aufsaugt wie das Heil selbst, deshalb kommt Adam, "der brave kastrierte Schoßhund, den sie aus ihm gemacht hat", nicht rum mit dem, was er will, und das Ich tut, was es am besten kann, Bindungen vermeiden. Auch in der nächsten Station Saarbrücken, "dieser Stadt, die so unschuldig ist", kennt er wen, doch bald zieht ihn noch ein Anruf weiter: Die Familie aus der verhassten Provinz­heimat meldet den Tod des Vaters. Eine schwere Prüfung rund um die Beerdigung und seine traurige Schwester steht an, der übelste Trip.
Pascal Kosigs zweiter Roman wird ernster und nüchterner, fast bitter­sweet, je mehr das Thema Familie dominiert. Auf Seite 113 schläft der Held erstmals. Er gleitet auf dem Weg zurück in sein leeres Berliner Leben ins ureigene Abkling­becken mit all den Hilfs­stoffen. "Ich musste an die Krücken denken, die Dalí gemalt hatte."

 

Pascal Kosig: Wenn ein Königreich zerfällt. Roman. 189 Seiten. Kuuuk. Königswinter 2026. € 12,-